
Graduierungen im Kampfsport – Teil 2
September 3, 2007Jetzt stellt sich die Frage: Wo liegen die Vor- und Nachteile der Graduierungssysteme? Welche Auswirkungen haben sie auf die Leute, die trainieren? Was bringt Leute dazu Prüfungen zu machen oder eben auch nicht zu machen?
Ein paar gute Gründe Prüfungen zu machen:
- um sich einer Herausforderung zu stellen
- um an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen oder um in einer höheren Klasse zu starten
- um die Anforderungen für eine Übungsleiter- oder Trainerausbildung zu erfüllen
- um mit den “Großen” zu spielen
Ein paar weniger gute Gründe um Prüfung zu machen:
- aus purer Geltungssucht
- um Herausforderungen zu vermeiden
- um einen Level zu erreichen und “es nicht mehr nötig zu haben” hart und regelmäßig zu trainieren
- um bei Fragen zum Kampfsport nicht mehr argumentieren oder glaubhaft demonstrieren zu müssen, sondern nur noch auf seine Graduierung zu verweisen
Ein grundsätzliches Problem ist es, die Leute in den Grad einzustufen, den sie auch verdienen. Problem deswegen, weil verschiedene Individuen zu unterschiedlichen Zeiten von (meistens) unterschiedlichen Prüfern beurteilt werden. Ein Beispiel um das zu illustrieren:
- Prüfung im Sommer – 30 Grad im Schatten – 16 Prüflinge, keiner mit einem Trainingspensum unter 6 Stunden pro Woche – 28jähriger Prüfer, Wettkämpfer, Sportstudent, jobbt an der Tür, Motto: “No pain no gain, erst wenn ich leide spüre ich, dass ich lebe”- letzte Woche hat seine Freundin mit ihm Schluss gemacht.
- Prüfung im Winter – draußen kriegt man Frostbeulen – 7 Prüflinge, Hobbysportler, eine, maximal zwei Trainingseinheiten pro Woche – Prüfer ist Sozialpädagoge, 52 Jahre alt, Arthrose in Hüfte und Schulter, Motto: “Leben und leben lassen” – wurde vorgestern zum Abteilungsleiter befördert.
Sag mir an welcher Prüfung Du lieber teilnehmen würdest und ich sage Dir wer Du bist
Zwischen diesen Extrembeispielen gibt es jede denkbare Variation, die Einfluss auf das Ergebnis hat. Grundsätzlich gelten die gleichen Kriterien, aber wie wahrscheinlich sind wirklich objektive Ergebnisse? So ist es eben, wenn Menschen von Menschen beurteilt werden. Es soll sogar Leute geben, die es gut finden, dass das Leben noch die ein oder andere Überraschung bereit hält. Ob man es jetzt gut oder schlecht findet, wir werden wohl erstmal damit leben müssen, zumindest so lange, bis sich irgendein Eierkopf dafür entscheidet, nicht länger sein Talent damit zu verschwenden Satelliten in den Orbit zu jagen, sondern endlich mal ein narrensicheres Graduierungssystem entwickelt
Eine weitere Variable in dem Spiel ist die Zeit. Kann schon sein, dass Du heute ein knallharter, austrainierter und fokusierter Feuerspeier bist. Dann gehen ein paar Jährchen ins Land. Dein(e) Partner(in) kann mit Sport nicht wirklich was anfangen, die Kinder wollen beschäftigt sein, der Job fordert Dich ganz schön und zu allem Elend wird der Stoffwechsel merklich langsamer. Die meisten Graduierungssysteme funktionieren aber nach dem Lock-in-Prinzip, sprich: ein einmal erreichter Grad wird nicht mehr zurück genommen. Auch das hat seine Berechtigung, geht aber zu Lasten der Vergleichbarkeit.
Ich bin der Meinung, dass ein Großteil der Schwierigkeiten daraus resultiert, dass versucht wird, unterschiedliches (im Sinne von verschiedenartiges) Engagement mit einem einzigen System zu honorieren. Da gibt es z.B. den Trainer mit einem riesigen theoretischen Wissen. Er kennt hunderte Techniken, hat ein unglaubliches Talent abwechslungsreiche Unterrichtseinheiten zu gestalten und ist richtig gut im Vermitteln von Inhalten. Klar hat er es verdient eine hohe Graduierung zu haben. Dann gibt es den Wettkämpfer. Ein super Gefühl für Kampfsituationen. Er hat drei Techniken mit denen er Jeden kriegt. Sowohl national als auch internationel kämpft er ganz vorne mit. Selbstverständlich spiegelt sich so ein Können in einer hohen Graduierung wider. Es gibt aber auch den, der Verantwortung in Verein und Verband übernimmt. Er ist immer bereit vorzutreten wenn Einsatz gefragt ist. Er ist bei jeden Lehrgang und jeder Sitzung zu finden und hat einen bedeutenden Anteil daran, dass der Karren in Schwung bleibt. Auch er hat eine hohe Graduierung verdient. Lassen wir mal alle Drei den 4. Dan haben. Der Trainer muss sehr viele Techniken kennen und vermitteln können. Dass er sie alle (oder auch nur einen Großteil) in der Anwendung beherrscht ist äußerst unwahrscheinlich. Sehr wahrscheinlich wird er in einem Wettkampf kein Land sehen, selbst gegen Kämpfer mit weit niedrigeren Graden. Diese wissen zwar nicht viel, das aber besonders gut
Gegenbeispiel: Du hast so einen Trainer. Jetzt gehst Du zu einem Seminar. Hier gibt es einen Referenten mit der gleichen Graduierung wie Dein Trainer, zusätzlich hat er sogar noch mehrere internationale Titel. Klingt vielversprechend, kann aber ziemlich enttäuschend enden. Er hat zwar die ultimative Killertechnik, aber leider nur die und die kann er nicht einmal richtig erklären.
Es wäre natürlich schön, wenn man alles richtig gut könnte Je umfangreicher ein System, desto eher wird man aber auf Spezialisten treffen, die zwangsläufig Schwächen in anderen Teilbereichen haben. Darauf werde ich bei Gelegenheit noch ausführlicher eingehen. Für das hier behandelte Thema nur soviel: Die Graduierung eines Kampfsportlers kann zwar als Richtlinie dienen, als sicheres Kriterium um festzustellen ob eine Person bestimmte Fähigkeiten hat ist sie jedoch nur bedingt beeignet. Und bisher haben wir uns noch in der gleichen Kampfsportart bewegt. Richtig lustig wird es, wenn ich versuche einen Blaugurt im Karate mit einem Blaugurt im BJJ zu vergleichen.
Solange in einer Kampfsportart/ einem Verband noch relativ wenige Mitglieder sind, finde ich das System der ELLO sehr gut. Hier sind viele der o.g. Schwierigkeiten weitgehend reduziert. Dadurch, dass die Einstufung zentral durch den Headcoach erfolgt, ist die Vergleichbarkeit der Grade viel höher. Begünstigt wird es zusätzlich, da es sich beim Luta Livre weitgehend um einen kampforientierten Spezialbereich (Grappling) handelt. Man erreicht einen höheren Grad nur dadurch, dass man bestimmte Techniken in einer Kampfsituation anwenden kann. Es gibt auch weniger das Problem, das Wannabes versuchen möglichst schnell eine hohe Graduierung zu erreichen. Teilweise ist sogar das Gegenteil der Fall. Hier bedeutet höhere Graduierung nämlich höhere Kampfklasse = härtere Gegner im Wettkampf. Ist echt lustig den ein oder anderen Belthunter in Action zu erleben. Normalerweise: “Ich bin Großmeister Sensei Sifu McWichtig, aber meine Freunde nennen mich Meister”, hier: “Och, das ist so eine Sache mit dem Wettkampf und meiner Einteilung, ich sag mal … Anfänger”.
Leider wird es schwierig, das System mit zunehmender Expansion aufrecht zu erhalten. Irgendwann wird man es nicht mehr vermeiden können, verschiedene Leute Graduierungen verleihen zu lassen. Früher oder (hoffentlich) später wird man dann ähnliche Probleme wie s.o. haben.
Eine Zwischenstufe habe ich bei der IKAEF erlebt. Hier gab es schon einen Stamm an fortgeschrittenen Trainern, die bis zu einem gewissen Grad Prüfungen abnehmen durften. Das war eine nette familiäre Sache. Bisschen auffällig war, dass die Frauen der Trainer recht hohe Graduierunge, knapp unter ihren Männern, hatten. Das hat natürlich Nichts zu heißen, hat in Systemen mit doch subjektiven Entscheidungsfaktoren (s.o.) aber ein Bisschen a Gschmäckle. Vermutlich waren sie aber einfach gut oder die Männer clever. Sie hatten ihre Frauen beim Training dabei, konnten das Training als gemeinsam verbrachte Zeit verbuchen und mussten nicht um jeden Lehrgang hart kämpfen
In diesem Zusammenhang wurde einmal unter einigen Sportlern diskutiert, ob ein gewisser Jemand eine gewisse Graduierung verdient hätte. Der Höchstgraduierte am Tisch hat das folgendermaßen beendet: “Da gibt es nichts zu diskutieren. XY ist der Gründer des Stils. Damit hat er automatisch die höchste Graduierung. Er darf entscheiden wem und wann er eine Graduierung verleiht. Seine Gründe dafür muss er vor keinem rechtfertigen”. Wahr gesprochen junger Skywalker. L’etat c’est moi. Der alte Chinese mit seinem: “Die Regeln für Bestrafung und Belohnung müssen klar geregelt sein, damit die Truppen zufrieden sind und ihre Leistung erbringen” hatte ja keine Ahnung. (habe ich schon erwähnt, dass Sun Tsu Pflichtlektüre ist?!)
An dieser Stelle will ich mal einen Zwischenstopp einfügen. Ganz ausgestanden ist das Thema noch nicht
Falls Du so lange durchgehalten hast: Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit. Zum Dank gibt’s noch ein kleines Leckerli zum Schluss von einem alten Englishman (der mit Sport leider nicht viel am Hut hatte), Vorname Winston:
“Act as though it were impossible to fail.”
Ich kann es ja nicht lassen diesen Beitrag auch gleich wieder als Erster zu kommentieren. Ist ja eines meiner Lieblingsthemen im Kampfsport.
Es liegt mir auf der Zunge zu sagen: Vergleichbarkeit erreicht man durch Vergleiche
Aber das tue ich NICHT!
Das Schöne am Kampfsport ist ja das für jeden etwas dabei ist, vom Freefight bis zum Tai Chi. Parallel dazu werden auch für jede Motivationsstruktur unterschiedliche Ziele geboten: Wettkampferfolg, Fitness, inneres Wachstum und eben auch die nächsthöhere Graduierung.
Bei Betrachtung der praktischen Auswirkungen sind Graduierungen für viele Leute eine große Motivation ins Training zu gehen (war für mich auch mal so). Das ist auch gut so und genügt in meinen Augen als Existenzberechtigung für ein Graduierungssystem.
Alles ist besser als Nix.